In diesem Block erscheinen regelmässig kurze Beschreibungen und Gegebenheiten zur Geschichte und der Entwicklung der unterschiedlichen Swing-Tanzstile.
Balboa
Der Balboa entstand 1936 im "Rendezvous Ballroom" auf Bolboa Island in Newport Beach, Kalifornien. Er ist eine Mischung aus Charleston, Jig Trot, Swing und einigen Schritten des Collegiate Shag. Wenn in den überfüllten Tanzsäälen der Platz zu eng wird oder die Musik auf 200-260 Schläge in der Minute anhebt, kann man im Balboa noch immer angenehm und entspannt schwoofen. Während die Oberkörper der Tanzpaare ruhig und eng aneinandergepresst sind, bewegen sich die Füsse im horrenden Takt der Musik weiter. Es haben sich zwei Grundformen entwickelt: Während beim Pure Balboa weiterhin sehr eng und mit Variationen in der Schrittechnik getanzt wird, öffnet sich beim Bal Swing das Paar um auch Drehungen und Spins einzubauen.
Gerne wird von Lindy-Tanzpaaren dann auf Balboa umgestellt, wenn die Puste bei hohem Tempo auszugehen droht und das Stück ellenlang ist (wie bei der 6 Minuten-Version von Sing Sing Sing...).Daniela und Mathias Schriebl aus Bühler (AR) ist eines jener Pärchen in der Ostschweiz, welches diesen Tanz auch auf schnelle Musik noch improvisierend tanzen kann.
Boogie Woogie
Mit Boogie Woogie wird sowohl die stampfende Klaviermusik wie ein heute noch weit verbreiteter Tanz gemeint. Die Ursprünge der Musik liegen Anfang 1900 in den riesigen Kiefernwäldern im Osten von Texas, wo Schwarze in den Holzfäller- und Terpentinlagern das Holz für die Eisenbahnen schlugen. In der wenigen Freizeit nachts sind die Barrelhouses der einzige Ausgleich zur Knochenarbeit am Tag. So sorgen die mit den Lagern mitreisenden Selfmade-Pianisten für die nötige Stimmung in Mitten von Kartenspiel, Prostitutuion und Messerstechereien.
Zur stampfend-rollenden Boogie Woogie Musik wurden verschieden Swing-Tanzstile namentlich der Lindy Hop, Jitterbug oder Rock'n Roll der 50er-Jahre getanzt. Wer die beiden Bill Haley Filme "Ausser Rand und Band" (Rock Around the Clock) aus den Jahren 1956 und 1957 kennt, wird bei der Schrittfolge die Weiterentwicklung erkennen. Während im ersten Teil noch Tanzszenen mit 8count-Schritten wie im Lindy Hop auftauchen, hat sich im zweiten Teil der 6count durchgesetzt. Daraus haben sich drei unterschiedliche Tanzstile mit ihren eigenen Turnierregeln entwickelt: Boogie Woogie, Rock'n Roll und Jive. Vergleichen Sie Aufnahmen aus solchen Turnieren: Der heutige Boogie-Tanzstil hebt sich durch ihre geschmeidige Beinarbeit und excellente Musikinterpretation deutlich von den beiden anderen Stilen ab.
Die Schweiz und Deutschland als auch die skandinavischen Länder haben traditionell eine starke Boogie Woogie Szene. Im alemannischen Bereich rund um den Bodensee finden sich gleich mehrere Clubs mit tollen Tanzanlässen und Shows. Hier ein paar Links: Bounz Kreuzlingen, Boogie Panthers Allensbach, Flying Dinos Stockach und curleyredboogie aus Amriswil.
Charleston
Der Charleston entstand vermutlich in der gleichnamigen Stadt in South Carolina, U.S.A. und wurde durch verschiedene negro-musicals seit Anfang der 20er Jahre bekannt. Den Durchbruch ermöglichte die Jazz-Melodie aus dem Broadway-Negromusical "Running Wild", die ab 1923 um die Welt ging und eine Tanzlawine auslöste. Eine Beschreibung von 1925 führt an: „Der Torso zittert, dazu die Bewegungen der Hüften, Schenkel und Hinterbacken. Auch die Hände sind aktiv, sie berühren alle Teile des Körpers wie in Ekstase.“ Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. "Hans Liebstöckel z.B., ein Nicht-Tänzer, erlebte den Charleston als `Kampfansage zwischen Mann und Weib', weil ursprünglich der enge Paarbezug von Tänzer und Tänzerin fehlte: "So wenig sie einander mögen, so wenig halten sie offenbar vom Dasein, denn sie suchen sich krampfhaft und mit den größten Anstrengungen ihrer Körper zu entledigen. Zuerst möchten sie Arme und Beine wegwerfen, aber es will nicht gelingen. Gleich darauf geht dieser Hass gegen das Leben auf den Körper selbst über, den sie schütteln, als wäre er eine reife Frucht und als erwarteten sie jeden Augenblick, dass sie vom Ast falle (...).(Christian Schär, Der Schlager und seine Tänze in Deutschland der 20er Jahre, Zürich 1990, S.95).
Heute sieht man immer wieder Charleston Elemente oder sogar ganze Charleston Shows bei den Gruppierungen, welche auch Lindy Hop tanzen. Aktuell zeigen die Showgruppe der Tanzschule Bounz in Kreuzlingen und die Gruppe Just4Swing aus St. Gallen originelle Charlestonchoreos.
Lindy Hop
Alter Tanz voll im Trend
In den 30er Jahren wurde der Swing kreiert. Es war der erste Paartanz der nicht auf vorgeschriebenen Schrittfolgen basierte, sondern vor allem von der Improvisation der Tänzerinnen und Tänzer lebte. Kurze Zeit später erfuhr der Swing eine Abwandlung – den Lindy Hop. Der Name war bewusst gewählt: 1927 schaffte Charles Lindbergh als erster Mensch mit seinem Flugzeug den „Hop over the Atlantic“. Genauso verrückt bezeichneten sich die damaligen Tänzer und benannten sich Lindy (von Lindbergh) Hopper (von Hop over the Atlantic).
Lindy Hop wurde in bekannten Ballrooms wie dem „Savoy“, „Cotton Club“ oder „Black Harlem“ getanzt. Gleich zwei Big Bands gaben sich jeweils an einem Abend ihr Stelldichein. Über tausend Tänzerinnen und Tänzer swingten zur quirligen, lebensfrohen Musik im Takt. Mit Tanz bis zur Extase entflohen die Menschen dem Alltag, die Sorgen der Weltwirtschaftskrise konnten für Momente vergessen werden.
Lindy Hop, der Grossvater des Rock’n Roll und des Boogie Woogie aber auch von Cha cha cha , Hip Hop und Funk gehört heute in Amerika wieder zu den beliebtesten Tänzen. Auch auf Europa hat das Swingfieber übergegriffen. Ein jährliches Tanzcamp in Schweden lockt jeweils hunderte von Tanzbegeisterten aus der ganzen Welt an. In Zürich, Basel, Bern oder Genf sind die Tanzböden heiss. Natürlich stimmt oft auch das Outfit der begeisterten Lindy Hopper. Grossmutters Unterhosen ist auf einmal wieder hoch im Trend und auch Grossvaters Hut findet wieder Verwendung.
Salsa
Salsa ist eine Bezeichnung aus den 70er Jahren für eine grosse Mixtur aus unterschiedlichen lateinamerikanischen Tänzen und Musikstilen. Musikalisch aus dem kubanischen Són entstanden, kamen während der Verbreitung der Musik in Amerika Elemente aus Jazz, Dance Music, Latin Rock, New Troubadour & Timba von Musikern aus dem Cuba-Exil, Puerto Rico und ganz Lateinamerika hinzu.
Warum Salsa auch swingt!
Auf Kuba entwickelte sich im 19. Jahrhundert der Son Cubano durch die Verschmelzung von afro-kubanischen Trommelrhythmen mit der Gitarrenmusik spanischer Farmer im ländlichen Osten der Insel. Anfang des 20. Jahrhunderts gelangte dieser Musikstil in die Hauptstadt Havanna. Die spärliche Instrumentierung – meist Trios mit Tres, Maracas und Claves – wurde schnell immer weiter mit zusätzlichen Instrumenten (Kontrabass, Gitarre, Bongos, Trompete) zum Sextett oder Septett aufgestockt. Durch den Einfluss der amerikanischen Swingbands weiteten sich die Bands zu kompletten Tanzorchestern mit Piano, Sängern und Bläsersätzen aus, die allgemein „Conjuntos“ genannt wurden. Als weiteres Gestaltungselement werden im improvisierten Wechselspiel zwischen Erststimme (meist Tenor) und Segundo (Bariton) meist alltägliche Themen behandelt, weshalb der Son auch häufig mit dem nordamerikanischen Blues verglichen wird.
West Coast Swing
West Coast Swing ist der Nationalstolz von Kalifornien. Es wird erzählt, dass der Tanz in den 1930er-Jahren von Dean Collins, ein bekannter Tänzer aus verschiedenen Hollywoodfilmen, diese Version des New Yorker Lindy Savoy mit nach Kalifornien brachte. Für die Filmproduzenten in Hollywood war WCS besonders attraktiv, da ihre Kameralinsen anfänglich keine Weitwinkel besassen. Dieser Tanz, wo die Frauen den Platz wechselten und die Männer an Ort blieben, kam ihnen wie gerufen.
West Coast Swing hat sich von den USA über die ganze Welt verbreitet und ist heute zu einem der modernsten Tänze geworden. Zu praktisch jeder 4/4-Musik, insbesondere Blues, R'n'B, Funk, Clubsounds und Swing kann er getanzt werden. In der heutigen Form werden traditionellen Figuren mit modernen Bewegungen aus Hip Hop, Jazztanz, Latin etc. kombiniert und an allen Anlässen und Turnieren in den USA gepflegt. Seine Liniendynamik (Slot), seine fliessenden Bewegungen und atemberaubenden Drehfiguren machen WCS zu einem der elegantesten Tänze. Rhythmische Variationen und Synkopierungen ermöglichen es den Paaren, die Musik unabhängig voneinander zu interpretieren.
Für die aktuelle Verbreitung dieses Tanzes in der Schweiz ist Melanie Stocker führend. Gleich mehrere Tanzschulen schätzen die Führungsqualität, welche über WCS erreicht werden kann und haben ihn in ihr Programm aufgenommen: Tanzschule Robinson (Kreuzlingen), Tanzschule Anliker (St. Gallen), Tanzen mit Walter&Gabi (Weinfelden)